In der Schulvorbereitenden Einrichtung der Astrid-Lindgren-Schule begleiten wir Kinder mit ganz unterschiedlichen und oft komplexen Behinderungsbildern. Jedes Kind bringt seine eigenen Stärken und Herausforderungen mit, sei es in der Sprache, im Denken, in der Wahrnehmung oder in der Bewegung. Oft greifen diese Bereiche eng ineinander. Deshalb betrachten wir jedes Kind gemeinsam im interdisziplinären Team. Pädagogische und therapeutische Fachkräfte bringen ihre unterschiedlichen Perspektiven ein und gestalten den Alltag so, dass Entwicklung, Selbstständigkeit und Teilhabe möglich werden.
Unsere Arbeit lebt von dieser engen interdisziplinären Zusammenarbeit. In diesem Schuljahr ist daraus ein neues Projekt entstanden: ein regelmäßiges Angebot im therapeutischen Bewegungsraum. Die Idee entwickelte sich im vergangenen Schuljahr aus einer spontan gemeinsam von unseren Therapeutinnen gestalteten Einheit mit den Kindern. Die positiven Erfahrungen weckten den Wunsch, diesen Rahmen gezielt weiterzuführen und auszubauen.
Einmal pro Woche nutzen wir den therapeutischen Bewegungsraum. Die vielfältigen Materialien und Geräte eröffnen den Kindern zahlreiche Möglichkeiten für Bewegung, Körpererfahrung, Wahrnehmung und gemeinsames Erleben. Sie können schaukeln, klettern, balancieren, bauen oder sich zurückziehen. Dabei geben wir wenig vor, lassen viel entstehen und geben den Kindern vor allem ausreichend Zeit.
Denn genau darin liegt ein wesentlicher Schlüssel: Die Kinder haben Zeit, zu beobachten, sich heranzutasten, Mut zu fassen und schließlich ins eigene Tun zu kommen. Spiel und Bewegung entwickeln sich aus den Interessen der Kinder heraus und werden nicht künstlich inszeniert. Entwicklung braucht Zeit – und genau die bekommt sie hier.
Aus einfachen Ideen entstehen lebendige Spielsituationen. Beim „Sandwich-Spiel“ zwischen Matten erleben die Kinder intensive Körpererfahrungen, mit „Ketchup“, „Zwiebeln“ und viel Lachen am Ende.

An anderer Stelle wird die Schaukel zum Boot, unter dem plötzlich Handwerkerinnen und Handwerker eine verhakte Schiffsschraube reparieren. Ganz nebenbei entstehen dabei Bewegungen und Positionen, die im Alltag oft nur schwer zugänglich sind.

Weitere Bilder zeigen Einzelsituationen aus dem therapeutischen Bewegungsraum, in denen individuelle Zugänge, Interessen und Entwicklungsschritte sichtbar werden.

Was dabei besonders trägt, ist die Freude. Sie motiviert, macht mutig und bringt Entwicklung in Gang. Die Kinder orientieren sich aneinander, lassen sich von den Ideen der anderen anstecken und wachsen gemeinsam. Rücksicht nehmen, warten, sich einbringen oder Unterstützung anbieten, all das entsteht ganz selbstverständlich aus dem gemeinsamen Spiel heraus.
Das Angebot wird von einer Ergo- und einer Physiotherapeutin, beide mit Bobath-Qualifikation, sowie einer Heilpädagogin gemeinsam geplant und durchgeführt. Während die Therapeutinnen den therapeutischen Bewegungsraum vorbereiten und Materialien sowie Bewegungsmöglichkeiten arrangieren, gestaltet die Heilpädagogin mit den Kindern einen kleinen Morgenkreis. Dieser bietet Raum für Orientierung, gemeinsames Ankommen und die Einstimmung auf die bevorstehende Einheit. Anschließend gehen alle gemeinsam in den therapeutischen Bewegungsraum, wo die Kinder von den Fachkräften begleitet werden und ihre eigenen Spiel- und Bewegungsideen entwickeln können. Regelmäßig sind außerdem weitere Mitarbeitende wie Kinderpflegerinnen, Individualbegleitungen und Praktikantinnen beteiligt.
Nicht nur die Kinder profitieren von diesem Angebot, auch im Team entstehen wertvolle Lernprozesse. Pädagogische und therapeutische Fachkräfte sowie alle weiteren Mitarbeitenden erhalten Einblicke in die Arbeit der jeweils anderen und erleben die Kinder in unterschiedlichen Situationen. Besonders wertvoll ist dabei nicht nur der fachliche Austausch, sondern das gemeinsame Beobachten und Handeln im unmittelbaren Erleben.
Gerade dadurch entsteht ein feineres Gespür für die Kompetenzen, Bedürfnisse und Möglichkeiten der Kinder. Der Umgang, die Bewegungsbegleitung und die Unterstützung der Kinder werden sicherer, neue Ideen für Spiel- und Bewegungsangebote entwickeln sich und können in den Alltag übertragen werden, auch im Umgang mit Kindern mit komplexen Behinderungen.
So wird das gemeinsame Tun zu einem Lernfeld für alle Beteiligten, unabhängig von Rolle oder Berufsgruppe.
Sonja Steinhauser mit Mirjam Minich und Bettina Veit